Interview

Hier beantworte ich Fragen, die mir häufig gestellt werden. So ein Interview mit sich selbst, ist psychologisch nicht zu unterschätzen…

Wieso befasse ich mich mit historischen Themen?

Einige meiner Romane wie „Speranza“ reichen ja bis in die Gegenwart. Als Historikerin und Journalistin sehe ich die Vergangenheit jedoch lebhaft in unsere ach so moderne Welt hineinleuchten, die man bald selbst als „Geschichte“ belächelt. Betrachtet man das Weltgeschehen wird auch offenbar, wie schnell alte Narben immer wieder aufbrechen.

Auch in vielen Familien überblenden sich das Gestern und das Heute. So war Sisi stark von ihrem Vater geprägt. Max in Bayern trat als Zirkusreiter in einer eigenen Manege auf, bereiste die Welt, schrieb Spottgedichte, wohingegen sein Familiensinn gering war und er Adelsetikette verschmähte.

Als „Vatertochter“ zeigt Sisi genau jenes Verhalten, das ihrer Rolle als Kaiserin und als Frau der damaligen Gesellschaft krass widersprach. Sie genoss es − geradezu spitzbübisch −, Menschen zu verblüffen. Selbst zu banalen Verabredungen kam sie gerne zu spät oder zu früh und verspottete jene, die sie für Spießer hielt.

Die Sisi-Forschung beachtet die prägende Rolle dieses Max in Bayern kaum. So interpretiert man ihre Abneigung gegen die Hofburg gerne als „rein psychologisch“. Doch selbst das Schwärmerische hatte Sisi vom Vater. So gründete er eine Tafelrunde mit sich als König Artus und sie schwärmte für ihren „Meister Heinrich Heine“ und inszenierte sich als Fee Titania.

Was ist in meinen Romanen Dichtung und Wahrheit?

Steht auf einem Cover „Roman“, sehe ich dies als Versprechen, meine Leser und Leserinnen gut zu unterhalten! Zu viel Zettelkastenwissen ermüdet. Ein Roman lebt durch Sinnlichkeit. Fabulierlust. Meine Jahreszahlen, Hauptfiguren, Schauplätze und Plots sind jedoch genau recherchiert. Ich wühle mich durch Archive, studiere historische Zeitungen, besuche alle Schauplätze: „Was haben meine Protagonisten gefühlt, gesehen, geschmeckt, gerochen?“ Diese Fragen sind mein roter Faden durch eine Geschichte.

Doch ich will meine Leser auch mitreißen. Spannende Literatur kann nur entstehen, wenn sich Fakten und erzählerische Freiheit vermischen. Dann wird das Geschehen „durchsichtig“, so dass der Betrachter eine lebendige Comédie humaine erblicken kann. Sprache muss leuchten!

Was bedeuten mir Humor und Sprachwitz?

Er entspricht meiner „Überlebenshaltung“. Meine Oma Caroline gab mir auch dies mit auf den Weg: „Lache, wenn es zum Weinen nicht reicht.“ Bei einer Frau, die zwei Weltkriege erlebte und vier Kinder unter Entbehrungen großzog, könnte man dies lebensklug nennen.

Bei Figuren der Zeitgeschichte erstarren manche Chronisten jedoch vor Demut oder sie zwängen diese in die Setzkästen der Geschichte hinein.

So verknöchert war das Leben jedoch nie. Und selbst ein sogenannter Held weiß, wie es sich anfühlt, ein ganz gewöhnlicher Narr zu sein.

So ließ ich den Tiroler Nationalheld Andres Hofer in seiner Hochzeitsnacht zunächst einmal scheitern, bei sexuell unerfahrenen Paaren in dieser Zeit sicher kein Novum. Und Hofzwerg Thomele − als kleinster Mensch seiner Zeit, bewundert aber auch verteufelt – erklärt in der „Wolkenbraut“: „Wer hinter meinem Rücken redet, der redet mit meinem Arsch!“ Als Humorist, wohlgemerkt nicht als dumpfer Spaßmacher, pointiert er die selbstverliebte Hofhaltung Erzherzog Ferdinands. Selbst eine Clara Fontanella kämpft sich in „Speranza“ nach der Staudammkatastrophe von Longarone, bei der sie ihr ungeborenes Kind, einen Teil ihrer Familie und ihre ganze Habe verlor, mittels Ironie ins Leben zurück. Auch mittels der schrägen Symbolik einer roten Unterhose.

Humor ist in all meinen Büchern und Erzählungen eine Katharsis, die zu neuen Sichtweisen und somit zu neuem Wachstum befähigt.

Wirklich gefährlich sind jene Gestalten, bei denen die Selbstüberschätzung groß und ihre Selbstironie gering ist. Leider sterben solche humorlosen Wichtigtuer nicht aus.

Wieso befasse ich mich als „Spurensucherin“ ausgerechnet mit Sisi?

Ha, steckt in vielen von uns nicht ein wenig Sisi? Und bemühen sich heute nicht schon Teenager, sich zu einer Marke zu stylen? Dies gelang Sisi nachhaltig. Sie schrieb sich als Ikone in die Zeitgeschichte ein mit ihrem Schönheitskult und der Weigerung, sich ab Mitte dreißig noch abbilden zu lassen. So konservierte sie ihr Image, doch der Preis dafür war hoch. Ihre Gesundheit, aber auch ihre Familie und ihre Entourage hatten darunter zu leiden.

Aber ist zu Sisi nicht schon alles erzählt?

Sisi ist ausgequetscht wie eine Zitrone! Dies dachte ich zunächst auch, doch wärmt man immer wieder die gleichen Geschichten über sie auf. Dabei sind manche Stationen ihres illustren Lebensweges nahezu unerforscht. Erstaunlicherweise.

Und Sisi in Tirol?

Tirol ist ein vernachlässigter Nebenschauplatz der Sisi-Forschung. Sie selbst vernachlässigte Tirol: ihr Mann Franz Joseph weilte über dreißigmal in Innsbruck und Sisi nur viermal. Doch gerade diese spärlichen Besuche verraten viel über sie, darin liegt eine Ironie. Umspannen sie doch eine Lebensspanne von einem halben Jahrhundert – vom Revolutionsjahr 1848 bis ins Jahr 1898 − und schildern ihre Lebenstragödie wie ein Brennglas!

Dabei gestaltet sich Sisis Verhalten zunehmend skurril. Salopp formuliert: „Zwischen Hollywood und einem antiken Trauerspiel.“

Was brachte mich zum Schreiben von Romanen?

Mein erstes Buch über Sofie von La Roche geht ja eher noch in die Richtung „Fachbuch“. Meine Hinwendung zum Roman war auch der Wunsch, eine breitere Öffentlichkeit auf eine Zeit- und Themenreise einzuladen. Dann spielt auch meine Übersiedelung nach Innsbruck in diese Entscheidung hinein. Als „Frau mit Migrationshintergrund“ war ich als Hörfunkredakteurin nur schwer vermittelbar. Zudem ließ sich das Schreiben synchron zum Aufwachsen meiner Zwillingssöhne bewältigen. Wenn auch in Nachtschichten…

So kam ich auf die Idee, mit „Starkmut“ einen Roman über die Frau von Andreas Hofer anzugehen. Auch ärgerte es mich, dass dieses einzigartige Frauenschicksal hinter den Denkmälern ihres Mannes in Vergessenheit geraten war. Seitdem befasse ich mich aber nicht nur mit Frauen, die ihr Leben mutig gestalteten. „Speranza“ erzählt das Schicksal einer ganzen Familie und in der „Wolkenbraut“ fungiert ein Hofzwerg als schillernder Erzähler.

Inzwischen habe ich einen Fliegerroman beendet: ein heute 93jähriger Zeitzeuge und Pilot aus dem II. Weltkrieg erzählte mir die abenteuerliche Geschichte seines Lebens. Dabei lernte ich viel über die Faszination des Fliegens und über das Jungsein in einem Krieg. Ist ja leider immer noch ein zeitaktuelles Thema.

Über was würdest du gerne noch schreiben?

Herrje, mir gehen die Ideen nicht aus. Das ist vielleicht auch mein Problem, da ich mich mitunter „zerfasere“. Doch der Brunnen des Lebens ist so tief.

Nach dem Schlankheitswahn von Sisi spaziert ein diametral konträres Thema durch meinen Kopf. Meine neue Protagonistin hatte keine eingeschnürte Wespentaille. Sie wog gut 1.500 Kilo! Es handelt sich um eine historische Panzernashorn-Dame. Ich wollte schon immer eine Tiergeschichte schreiben. Ich bewundere Tiere, auch für ihren Langmut, uns zu ertragen.

Seit die Nashorn-Mafia nun sogar Zootiere tötet, um ihnen die Hörner abzuschneiden und diese auf dem asiatischen Schwarzmarkt teuer zu verkaufen, ist auch dieses History-Thema wieder zeitaktuell. Das Leben ist ein Roman, nicht immer ein guter …

Nach fünf Büchern immer noch nicht schreibmüde?

„Das Schreiben verdirbt die Augen, quetscht die Organe, krümmt den Rücken und macht den Mensch zum Krüppel.“ Dies beklagte ein Autor in der Antike. Und immer noch werden Bücher geschrieben – meist von unterbezahlten Enthusiasten mit Rückenweh. Und trotz Konkurrenz aus dem Web und „Twitter-Geschwätzigkeit“ sogar noch gelesen.

Ich betrachte es auch als Ehre und als großes Glück, dass es Menschen gibt, die meine Geschichten lesen. Schreiben ist kein einfacher Beruf, aber für mich die schönste Berufung der Welt. Und gegen die körperliche Mühsal des Zeilenschindens hilft mein Erbe als Flusskind: Schwimmen! Storytelling und Wellengeflüster gehören zusammen. Flüsse erzählen Geschichten, man muss nur zuhören können.